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Gangunsicherheit bei Multipler Sklerose: Was Gleichgewichtstraining leisten kann
Was hinter unsicherem Gehen steckt, was die Forschung zu Training sagt – und was das für Ihren Alltag bedeutet.

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Unsicheres Gehen gehört zu den häufigsten Beschwerden bei Multipler Sklerose: Genau die Hälfte der im deutschen MS-Register erfassten Erkrankten gab zuletzt an, unter einem eingeschränkten Gehvermögen zu leiden. Das Gleichgewicht lässt sich dabei trainieren – eine Metaanalyse aus 52 randomisierten Studien mit 2.141 Teilnehmenden fand deutliche Verbesserungen durch Kraft-, Ausdauer- und kombinierte Programme. Und die verbreitete Sorge, Sport könne einen Schub auslösen, ist nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) unbegründet.
Warum wird das Gehen bei MS unsicher?
Selten steckt nur eine Ursache dahinter. Meist überlagern sich mehrere, und genau das macht es im Alltag unberechenbar:
- Gangataxie. „Bei MS kann es zu einem unsicheren, schwankenden Gang kommen“, schreibt die DMSG – ein Gangbild, das von Außenstehenden manchmal als Trunkenheit fehlgedeutet wird.
- Gleichgewichtsstörungen und Schwindel, die im Dunkeln oder auf unebenem Boden stärker auffallen.
- Muskelschwäche, vor allem in den Beinen.
- Spastik. Die DMSG beschreibt sie als Steifigkeitsgefühl, „wie Blei an den Beinen“. Im MS-Register waren 32,3 % der Erkrankten betroffen; weil sich Spastik vor allem in den Beinen bemerkbar macht, ist sie häufig mit Gangstörungen verbunden.
- Gefühlsstörungen der Haut, meist als Kribbeln, Missempfindungen oder Taubheitsgefühl. Wer den Boden schlechter spürt, korrigiert später.
- Fatigue, die für die Krankheit typische starke Müdigkeit. Sie erklärt, warum das Gehen abends oft unsicherer ist als morgens.
Häufig gesucht wird außerdem der Begriff Fußheberschwäche. Welche dieser Ursachen bei Ihnen zusammenkommen, klärt die neurologische Untersuchung – und das ist die Grundlage dafür, sinnvoll zu trainieren.
Was sagt die Forschung zu Gleichgewichts- und Koordinationstraining?
Die Richtung ist klar: Training ist bei MS sicher und kann helfen. Wie stark, hängt von Art, Umfang und Dauer ab.
Eine Übersicht über 15 Cochrane-Reviews mit 164 randomisierten Studien und insgesamt 10.396 Teilnehmenden kommt zu dem Schluss, dass strukturierte, multidisziplinäre Rehabilitationsprogramme und Bewegungstherapie Mobilität, Muskelkraft und Lebensqualität verbessern und Fatigue verringern können – mit Evidenz mittlerer Qualität (Cochrane, 2019).
Konkreter wird eine Metaanalyse aus 52 randomisierten Studien mit 2.141 MS-Patientinnen und -Patienten, über die die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 2025 berichtet. Drei Trainingsformen verbesserten das Gleichgewicht deutlich: Krafttraining am stärksten, gefolgt von multimodalen Programmen und aerobem Training. In standardisierten Gleichgewichtstests zeigten sich messbare Fortschritte, und beim Aufsteh- und Gehtest auf Zeit verbesserten sich die Teilnehmenden im Schnitt um eine Sekunde. Am meisten profitierten diejenigen, die mindestens dreimal pro Woche jeweils 60 Minuten oder länger trainierten und auf mindestens 180 Minuten Trainingszeit pro Woche kamen; Programme über acht Wochen oder länger wirkten deutlich besser als kürzere.
Die DMSG hält zum Gerätetraining außerdem fest, dass die Sturzhäufigkeit durch regelmäßiges Balancetraining signifikant verringert wird, und empfiehlt zwei bis vier Trainingseinheiten pro Woche.
Worauf sollten Sie achten: Wärme, Pausen, Dosierung
Der wichtigste Punkt ist die Temperatur. Steigt die Körpertemperatur beim Training, kann es laut DMSG „zu einer vorübergehend Verschlechterung bereits bestehender neurologischer Symptome kommen“ – diese Symptome bilden sich nach dem Absenken der Temperatur wieder zurück. Das ist das Uhthoff-Phänomen. Es ist kein Schub und kein Grund, mit dem Training aufzuhören, aber ein Grund, es zu planen: kühler Raum, kalte Getränke, bei Bedarf Kühlkleidung, an heißen Tagen weniger Intensität.
Der zweite Punkt ist die Dosierung. Das Training sollte sich „etwas anstrengend“ anfühlen – die DMSG betont ausdrücklich, dass Training nicht erschöpfend sein muss, um zu wirken. Empfohlen werden zwei bis drei Einheiten pro Woche über mindestens zwölf Wochen. Für die Steuerung der Belastung eignet sich die Borg-Skala, also die eigene Einschätzung der Anstrengung.
Der dritte Punkt: Pausen sind kein Zeitverlust. Sie sind das, was Ihnen erlaubt, die nächste Übung noch in guter Qualität zu machen – und Qualität ist beim Gleichgewichtstraining wichtiger als Wiederholungszahl.
Und vor allem: Ziehen Sie vor dem Trainingsstart Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren behandelnden Arzt zu Rate. Die DMSG empfiehlt das ausdrücklich.
Welche Übungen sind zu Hause sicher?
Sicher heißt hier vor allem: Sie können sich jederzeit festhalten und jederzeit aufhören. Drei Beispiele, die sich gut in den Tag einbauen lassen:
- Einbeinstand am Waschbecken – eine Hand bleibt am Rand, später nur noch ein Finger.
- Gehen entlang einer Wand, langsam, mit bewusstem Abrollen; eine Hand bleibt in Reichweite.
- Aufstehen vom Stuhl, mehrmals hintereinander, Stuhllehne an der Wand.
Eine ausführlichere, belegte Übungsliste steht in unserem Ratgeber zur Sturzprävention und Gleichgewicht im Alter. Für MS gilt zusätzlich alles aus dem Abschnitt oben: kühl bleiben, Pausen machen, bei zunehmenden Symptomen abbrechen – und die Auswahl mit Ihrer Physiotherapie abstimmen.
Was kann zusätzlich zur Physiotherapie kommen?
Gerätetraining ist nach Einschätzung der DMSG eine Ergänzung, kein Ersatz: Sie empfiehlt, den Trainingsplan mit der behandelnden Physiotherapie abzustimmen und sich von MS-erfahrenen Fachkräften begleiten zu lassen. Genau so verstehen wir unsere Rolle.
Wie sich das anfühlen kann, beschreibt Jutta Fuhrmann, Gesundheitsberaterin und seit 2019 bei uns in München, in ihrem Interview: „Es ist wirklich schön, wenn du merkst du tust was für dich und das nützt.“ Sie berichtet dort auch, dass sie seit dem Trainingsbeginn nicht mehr gestürzt ist – ein gutes Beispiel dafür, worum es geht: nicht um die Krankheit, sondern um das, was daneben noch möglich ist.
Häufige Fragen
Was hilft gegen Gangunsicherheit bei Multipler Sklerose?
Die Ursachen sind unterschiedlich, deshalb beginnt alles mit der neurologischen Abklärung. Für das Training gilt: Eine Metaanalyse aus 52 randomisierten Studien fand Verbesserungen des Gleichgewichts durch Kraft-, Ausdauer- und kombinierte Programme. Die DMSG weist außerdem darauf hin, dass regelmäßiges Balancetraining die Sturzhäufigkeit signifikant verringert. Physiotherapie bleibt die Basis, zusätzliches Training kommt ergänzend dazu.
Kann Sport bei MS einen Schub auslösen?
Nach Angaben der DMSG brauchen MS-Erkrankte keine Angst davor zu haben, dass Sport Krankheitsschübe auslöst. Die Erlanger MuSkAT-Studie fand keinen Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität – gleich welchen Ausmaßes – und der Schubrate. Was bei Anstrengung auftreten kann, ist etwas anderes: eine vorübergehende Verschlechterung bestehender Symptome durch Wärme, die sich wieder zurückbildet.
Wie oft sollte ich bei MS trainieren?
Die DMSG empfiehlt zwei bis drei Einheiten pro Woche über mindestens zwölf Wochen und betont: Training muss nicht erschöpfend sein, um zu wirken – etwas anstrengend genügt. In der Metaanalyse von 2025 profitierten diejenigen am meisten, die mindestens dreimal wöchentlich jeweils 60 Minuten oder länger trainierten. Welche Dosis für Sie passt, klären Sie bitte mit Ihrem Behandlungsteam.
Was ist das Uhthoff-Phänomen und was bedeutet es fürs Training?
Steigt die Körpertemperatur – durch Anstrengung, Hitze oder ein heißes Bad –, können sich bereits bestehende neurologische Symptome vorübergehend verschlechtern. Nach dem Absenken der Temperatur bilden sie sich wieder zurück (DMSG). Fürs Training heißt das: kühler Raum, kalte Getränke, Pausen einplanen, bei Bedarf Kühlkleidung, an heißen Tagen die Intensität reduzieren – nicht aufhören.
Zahlt die Krankenkasse das Training bei neurotrim?
In der Regel nicht. Gesetzlich Versicherte müssen das Training selbst tragen. Privatversicherte können vorab einen Kostenvoranschlag bei ihrer Kasse einreichen oder sich ärztlich ein Rezept über „10x 60/90 Minuten sensomotorisches Training nach der neurotrim Methode“ ausstellen lassen; wir stellen die Rechnung dann entsprechend aus. Eine Zusage der Kasse ist das nicht.
Quellen
- DMSG Bundesverband: Symptome der Multiplen Sklerose (ohne Datumsangabe, abgerufen am 22.09.2026)
- DMSG Bundesverband: Eingeschränktes Gehvermögen und Spastik (Auswertung des MS-Registers) (2018)
- DMSG Bundesverband: Multiple Sklerose (MS) und Sport (ohne Datumsangabe, abgerufen am 22.09.2026)
- DMSG Bundesverband: Gerätetraining bei Multipler Sklerose (ohne Datumsangabe, abgerufen am 22.09.2026)
- Hutterer C: Multiple Sklerose – Gleichgewicht verbessern mit Sport. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin (2025)
- Amatya B, Khan F, Galea M: Rehabilitation for people with multiple sclerosis – an overview of Cochrane Reviews (2019)
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden sprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

