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Parkinson und Bewegung: Warum Gleichgewichts- und Koordinationstraining so wichtig ist
Was die Leitlinie empfiehlt, welche Trainingsformen untersucht sind – und worauf Sie achten sollten.

Beitrag
Bewegung gehört bei der Parkinson-Krankheit zur Behandlung dazu – nicht als netter Zusatz, sondern als eigener Baustein neben den Medikamenten. Die S2k-Leitlinie „Parkinson-Krankheit“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (2023) formuliert dazu eine klare Empfehlung: Menschen mit Parkinson, die im Alltag durch motorische Symptome beeinträchtigt sind, sollen Zugang zu einer physiotherapeutischen Behandlung erhalten. Entscheidend ist dabei weniger die eine richtige Sportart als die Menge und die Art des Trainings: Es sollte regelmäßig stattfinden, mindestens drei Stunden pro Woche umfassen und koordinativ fordern.
Warum ist Bewegung bei Parkinson so wichtig?
Bei Parkinson verändert sich, wie Bewegungen gesteuert werden. Die Deutsche Parkinson Vereinigung beschreibt das in einem Satz, den viele Betroffene sofort wiedererkennen: „die Automatik ist gestört, Bewegungen müssen bewusster ausgeführt werden“. Was früher von allein lief – der erste Schritt, das Umdrehen in der Küche, das Ausgleichen bei einem Stolperer –, braucht plötzlich Aufmerksamkeit.
Genau hier setzt Training an. Die Leitlinie nennt als Ziel der Physiotherapie bei Parkinson ausdrücklich, „die Kraft, Koordination, Beweglichkeit, Ausdauer, Balance und Rumpfstabilität sowie Stand- und Gangsicherheit zu steigern“. Es geht also nicht nur um Muskeln, sondern um das Zusammenspiel – und das ist trainierbar.
Wie gut die Belege sind, unterscheidet sich je nach Zielgröße. Eine in der Leitlinie zitierte Metaanalyse über 191 Studien mit 7.998 Betroffenen zeigt eine signifikante Verbesserung der motorischen Symptome, des Gangs und der Lebensqualität durch klassische Physiotherapie. Die Cochrane-Übersicht von 2023 wertete 156 randomisierte Studien mit 7.939 Teilnehmenden aus und fand für die meisten Trainingsformen klinisch bedeutsame Verbesserungen der motorischen Symptome, ausdrücklich auch für Tanzen und für Training von Gang, Gleichgewicht und Bewegung.
Zugleich ist die Leitlinie ehrlich darüber, was nicht gezeigt werden konnte: Reines Ausdauertraining und Nordic Walking verbesserten die motorischen Symptome in den ausgewerteten Übersichten nicht, reines Krafttraining verbesserte das Gangbild nicht, und für klassische Physiotherapie ließ sich kein Einfluss auf Stürze oder Lebensqualität nachweisen. Wer Ihnen mehr verspricht, überinterpretiert die Studienlage.
Ein Begriff, der oft fällt: Freezing of Gait – eine meist sekundenlange Blockade beim Gehen, bei der sich die Füße anfühlen, als klebten sie am Boden. In der Leitlinie wird Freezing als eigenes, komplexes Problem behandelt, das multidisziplinär angegangen wird. Sie führt Studien auf, in denen Laufbandtraining und Physiotherapie das Freezing günstig beeinflusst haben; für Tanz- und andere künstlerische Therapien fand sie dagegen keine signifikante Veränderung. Mehr lässt sich daraus seriös nicht ableiten.
Welche Trainingsformen sind untersucht?
Die Leitlinie fasst die Übersichtsarbeiten nach Zielgröße zusammen. In stark verkürzter Form:
- Gleichgewicht: Verbesserungen zeigten sich durch Tai-Chi sowie durch Kraft- und Ausdauertraining.
- Gehfähigkeit: Verbesserungen durch Wassergymnastik, Physiotherapie, Ausdauertraining, Laufbandtraining und Bewegungstraining.
- Zahl der Stürze: Verbesserung durch Bewegungstraining.
- Beinkraft: Verbesserung durch Krafttraining.
- Koordination und Rumpfkontrolle: Verbesserung durch Physiotherapie und Wassergymnastik.
- Tanz, Balance-, Gang- und Kampftraining: positive Wirkung auf motorische Symptome, Balance und Gang.
Für künstlerische Therapien – untersucht wurden vor allem Tanztherapie (Tango, Walzer, Foxtrott), Tai-Chi und musikunterstütztes rhythmisches Gangtraining – spricht die Leitlinie eine eigene Empfehlung aus: Betroffene sollten Zugang dazu erhalten. Die Studien arbeiteten meist zweimal pro Woche über drei Monate oder länger; die Effekte auf Mobilität und Gleichgewicht werden überwiegend als moderat beschrieben.
Der aus meiner Sicht wichtigste Befund steht etwas versteckt: Mehrere Studien deuten darauf hin, dass komplexe Ansätze deutlich wirksamer sind als einfache – also aufgabenspezifische oder koordinativ herausfordernde Übungen statt schematischer Wiederholungen. Und das gilt laut Leitlinie „insbesondere für Gangtraining und Sturzprophylaxe“. Ein Training, das Sie fordert, ohne Sie zu überfordern, ist einem monotonen Programm überlegen.
Die Cochrane-Autorinnen und -Autoren ziehen daraus einen entspannten Schluss: Die genaue Trainingsform sei eher zweitrangig, entscheidend seien die persönlichen Vorlieben – damit man dabeibleibt.
Wie viel Training ist nötig?
Hier ist die Leitlinie ungewöhnlich konkret:
- Die Physiotherapie soll auf die motorischen Defizite ausgerichtet sein.
- Sie sollte mit komplexen Therapieansätzen erfolgen, an den Symptomen ausgerichtet und an die Leistungsfähigkeit angepasst sein.
- Sie sollte mindestens drei Stunden pro Woche umfassen. Ist das dauerhaft nicht zu schaffen, kann ein Teil als Eigentraining erfolgen.
Alle drei Empfehlungen wurden mit einer Konsensstärke von 100 Prozent verabschiedet. Ebenso deutlich ist die Untergrenze: Eine Behandlung mit weniger als einer Einheit pro Woche ist nicht effektiv – mehrere randomisierte Studien mit jeweils mehreren Hundert Betroffenen fanden bei einer Einheit alle 14 Tage keinen signifikanten Effekt. Die Deutsche Parkinson Vereinigung nennt in ihrem Ratgeber dieselbe Größenordnung: „3 Stunden Sport/Gymnastik pro Woche sollten erreicht werden“.
Auch Menschen in einem frühen Stadium mit milden bis moderaten Symptomen profitieren laut Leitlinie von intensiver Physiotherapie – besonders dann, wenn sie an die Leistungsfähigkeit angepasst ist.
Worauf Sie achten sollten
Sturzrisiko. Die Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass bei der Parkinson-Krankheit „das Sturzrisiko bei der Wahl und Intensität der körperlichen Aktivität besonders berücksichtigt werden“ sollte. Übungen am Rand der Standsicherheit gehören deshalb an einen Ort, an dem Sie sich festhalten können und jemand danebensteht. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt am Limit trainieren zu können.
Wie viel sich mit Gleichgewichtstraining erreichen lässt, zeigt der Blick auf ältere Menschen allgemein: Die Cochrane-Übersicht von Sherrington und Kolleginnen (2019) wertete 108 Studien mit 23.407 Teilnehmenden aus. Training senkte die Sturzrate um 23 Prozent, Gleichgewichts- und Funktionstraining um 24 Prozent, kombinierte Programme um 34 Prozent. Diese Zahlen stammen nicht aus Parkinson-Studien – aber sie zeigen, dass Gleichgewicht bis ins hohe Alter trainierbar bleibt. Mehr dazu im Ratgeber Sturzprävention im Alter.
Tageszeit und Medikation. Die Wirkung der Medikamente schwankt im Tagesverlauf. Die Leitlinie beschreibt, dass bei vielen Betroffenen die Wirkdauer einzelner Medikamente kürzer und im Verlauf unvorhersehbar wird; in diesen sogenannten Off-Phasen treten die Symptome wieder hervor, auch Freezing und schmerzhafte Verkrampfungen. Für das Training heißt das: Legen Sie Termine in eine Zeit, in der Sie sich verlässlich gut bewegen können, und führen Sie diese Beobachtung mit Ihrer neurologischen Praxis zusammen. Wir fragen vor jeder Einheit danach und passen den Aufbau an – ein Tag ist nicht wie der andere.
Ärztliche Begleitung. Bewegung ersetzt keine Medikamente, und ein Trainingsangebot ersetzt keine neurologische Behandlung. Besprechen Sie vor dem Start, was für Sie geeignet ist, welche Begleiterkrankungen zu beachten sind und ob eine Verordnung für Physiotherapie sinnvoll ist. Wenn Sie unsicher sind, nehmen Sie diesen Artikel mit in die Sprechstunde.
Was 1-zu-1-Training am Gerät ergänzend leisten kann
Wir arbeiten seit 2010 mit sensomotorischem Training – also mit der Frage, wie gut Ihr Körper spürt, was passiert, und wie schnell er darauf reagiert. Wie das funktioniert, steht ausführlich im Ratgeber Was ist sensomotorisches Training? und auf der Seite Die neurotrim Methode. Was wir bei neurologischen Erkrankungen anbieten – und was ausdrücklich nicht –, steht auf der Seite Neurologie.
Drei Punkte davon passen gut zu dem, was die Leitlinie beschreibt:
Es ist koordinativ fordernd und individuell. Sie steuern das Gerät mit kleinen, präzisen Bewegungen. Die Aufgabe wird an Ihre Tagesform angepasst – das entspricht dem, was in den Studien als „komplexer Ansatz“ besser abschneidet als schematisches Üben.
Es ist messbar. In der neurotrim Analyse führen wir verschiedene Tests durch, unter anderem für Sprunggelenk und Knie, seitliche Stabilität, Schulter und Rumpf sowie Becken und unteren Rücken, und messen nach zehn Einheiten erneut. Sie sehen dadurch Veränderungen, die im Alltag schwer einzuschätzen sind.
Es ist eine Ergänzung, kein Ersatz. Die Leitlinie nennt für sensomotorisches Training bei Parkinson genau eine Sache: In einer randomisierten Studie verbesserten sich Rumpfkontrolle und Körpersymmetrie – und sie merkt zugleich an, dass die Aussagekraft solcher Einzelstudien wegen der geringen Zahl von unter 50 Teilnehmenden begrenzt ist. Das ist ein Hinweis, mehr nicht. Für Sturz- und Sprunggelenkprävention ist die Datenlage zu sensomotorischem Training deutlich besser als bei Parkinson.
Unsere eigenen Zahlen: In zehn Einheiten verbessern sich Trainierende um mindestens 30 Prozent in unseren Testbatterien – gemessen vor dem Training und nach zehn Einheiten.
„Parkinson Sport in der Nähe“: unsere drei Studios
Wir trainieren in München-Neuhausen, in Stuttgart-Möhringen und in Hirrlingen bei Tübingen – immer 1-zu-1, ohne Vertragslaufzeit. Der Einstieg ist die neurotrim Analyse (60–90 Minuten, 180 €); danach trainieren die meisten einmal pro Woche, zehn Einheiten in rund drei Monaten. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt das in der Regel nicht.
Voraussetzung ist, dass Sie einige Schritte frei gehen und frei stehen können. Wenn das nicht möglich ist, ist unser Training nicht das richtige – das sagen wir Ihnen dann auch. Die Adressen und Telefonnummern finden Sie auf den Seiten der Studios München, Stuttgart und Hirrlingen bei Tübingen.
Häufige Fragen
Welcher Sport ist bei Parkinson geeignet?
Die Forschung gibt darauf keine eindeutige Antwort – und das ist eine gute Nachricht. Die Cochrane-Übersicht von 2023 fand für die meisten untersuchten Bewegungsformen klinisch bedeutsame Verbesserungen der motorischen Symptome und zieht daraus den Schluss, dass die persönliche Vorliebe wichtiger ist als die Sportart. Untersucht wurden unter anderem Tanzen, Gang- und Gleichgewichtstraining, Krafttraining, Wassergymnastik, Tai-Chi und Yoga. Wählen Sie also etwas, das Sie gerne und regelmäßig tun – und besprechen Sie es ärztlich.
Wie oft sollte ich bei Parkinson trainieren?
Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie nennt mindestens drei Stunden pro Woche. Kann diese Menge dauerhaft nicht erreicht werden, kann ein Teil davon als Eigentraining zu Hause erfolgen. Wichtig ist die Untergrenze: In mehreren großen Studien zeigte Physiotherapie im Abstand von 14 Tagen keinen messbaren Effekt. Seltener als einmal pro Woche lohnt sich also kaum. Die Deutsche Parkinson Vereinigung nennt für Sport und Gymnastik ebenfalls drei Stunden pro Woche als Ziel.
Kann Training Parkinson aufhalten?
Nein, das können wir so nicht sagen. Die Studien zeigen Verbesserungen bei motorischen Symptomen, Gleichgewicht, Gangbild und Lebensqualität – sie zeigen nicht, dass Bewegung den Krankheitsverlauf stoppt. Bewegung ersetzt auch keine Medikamente. Die Deutsche Parkinson Vereinigung formuliert es umgekehrt: Medikamente allein reichen nicht. Beides gehört zusammen, und die Entscheidung darüber trifft Ihre Ärztin oder Ihr Arzt mit Ihnen.
Was ist mit Freezing, also den plötzlichen Blockaden beim Gehen?
Freezing of Gait bezeichnet die meist sekundenlange Unfähigkeit, einen Schritt zu beginnen oder fortzusetzen – Betroffene beschreiben es, als würden die Füße am Boden kleben. Die Leitlinie führt Studien auf, in denen Laufbandtraining und Physiotherapie das Freezing günstig beeinflusst haben; für künstlerische Therapien wie Tanz fand sie dagegen keine signifikante Veränderung. Freezing gehört in neurologische Hand.
Gibt es Parkinson-Sport in meiner Nähe?
Erste Anlaufstelle sind Ihre neurologische Praxis, eine Physiotherapie mit Erfahrung bei Parkinson und die Selbsthilfegruppen der Deutschen Parkinson Vereinigung, die vielerorts Rehasport-Gruppen vermitteln. Wir selbst trainieren 1-zu-1 in München-Neuhausen, Stuttgart-Möhringen und Hirrlingen bei Tübingen. Das ist kein Gruppenangebot und keine Kassenleistung, sondern ein ergänzendes Einzeltraining – ob es für Sie passt, klären wir vorher im Gespräch.
Quellen
- Höglinger G., Trenkwalder C. et al.: Parkinson-Krankheit. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030/010, Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Version 8.1, gültig bis 24.10.2028 (2023)
- Cochrane: Physical exercise helps to improve symptoms of Parkinson's disease (zur Übersichtsarbeit von Ernst M. et al., 156 Studien mit 7.939 Teilnehmenden) (2023)
- Deutsche Parkinson Vereinigung e. V.: Aktivierende Therapie bei Morbus Parkinson (Stand 04/2013) (2013)
- Sherrington C. et al.: Exercise for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews (108 Studien, 23.407 Teilnehmende) (2019)
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden sprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Bei der Parkinson-Krankheit sollten Sie Art und Umfang eines Trainings immer mit Ihrer neurologischen Praxis abstimmen.

